2. Kapitel – Unter dem Blätterdach
Die Sonne warf nur noch einen kleinen Lichtkegel auf den Himmel, als wir in unserem Lager ankamen. Es lag am Rande dieser riesigen Stadt, in einem kleinen Wäldchen. Es waren wirklich nicht gerade viele Bäume, aber sie waren dicht und boten uns guten Schutz. Außerdem kam so gut wie nie jemand hier her und konnte uns entdecken.
Wir hatten uns eine kleine Lichtung errichtet, an deren Rand einige Betten aus dem Sperrmüll standen. Das dichte Blätterdach schützte uns überwiegend vor Regen, Schnee oder übermäßiger Sonne. In der Mitte des Lagers war ein großer Baumstumpf, an dem wir uns meistens versammelten. Wir hatten eigentlich zwei Lager, das andere lag direkt in der Stadt, doch dies benutzten wir seltener.
„Wir sind da“ rief Staub, und ruckartig richteten sich die Blicke auf ihn. Die anderen saßen auf ihren Betten, während Bone neben dem Bett seines Herrchens – Chris - lag und nun die Ohren spitzte. Nur Midnight fehlte. Wahrscheinlich war sie wieder auf der Jagd. Auch Ambers Sinne waren nun geschärft, und sie preschte in das Dickicht des Waldes. Die Bäume warfen lange Schatten auf unser beschauliches Lager, sodass es viel dunkler war, als es eigentlich war. Lucy rüttelte den schlafenden Chris wach, ihr rotes, lockiges Haar peitschte umher. Joker stand auf und setzte sich neben den Baumstamm. Schließlich schlug Chris die Augen auf und stämmte seinen dunklen, muskulösen Körper in die Höhe. Es war wirklich beachtlich, wie groß und stark er war. Als er verschlafen zum Versammlungsplatz schwankte, folgten auch Bone und Lucy, bis schließlich alle am Baumstumpf saßen. Staub und ich setzten uns ebenfalls dazu, und alle schauten hoffnungsvoll zu ihm. Nur Joker saß ungetrübt da, anscheinend rechnete er wieder mit dem schlimmsten. Er war der Pessimist unter uns, und auch wenn seine schlechte Stimmung so manche Tage vermieste, so musste ich zugeben, dass er meist Recht behielt mit seinen Vorahnungen. Ich seufzte und wollte ihn etwas fragen, doch Staub unterbrach uns, indem er sich kurz räusperte.
„Nun, heute war kein erfolgreicher Tag“, fing er an. Staub war unser Bandenführer. Er lebte schon am längsten auf der Straße und „adoptierte“ uns - Behauptete er zumindest. Niemand von uns konnte sich mehr so genau an die eigene Vergangenheit erinnern.
„Knapp vier Dollar sind es. Wir könnten damit vier Brötchen kaufen. Es ist das ersparte von einer Woche! Wie lange können wir damit auskommen? Die Leute werden wirklich immer geiziger und geben uns immer weniger, in dieser Zeit, in der alles teuerer wird.“ Ein betretenes Schweigen trat ein, ehe er fortfuhr. „Anderseits… wir könnten auch mal wieder Geld klauen. Ich weiß, dass hier viele von uns dagegen sind und auch schon Folgen davon erlebt haben… Doch: Was bleibt uns anderes übrig? Schlagt etwas Besseres vor.“
Joker hatte damit schon gerechnet und saß ungetrübt an seinem Platz, die anderen schüttelten die Köpfe oder murmelten leise etwas vor sich hin. Schließlich erhob Chris seine Stimme.
„Staub, ich weiß, dass du Recht hast. Wir alle wissen das.“ Er schaute den anderen in die Augen, um sich zu versichern, dass er nicht falsch lag. Lucys Augen waren mit Widerwillen gefüllt, doch sie nickte. „Ja, es gibt wohl keine andere Möglichkeit.“ Seine dunklen Augen schweiften zu Joker weiter, dessen Blick unergründlich war, doch schließlich nickte auch er. Zuletzt schaute er zu mir, und ich sah unsicher zu den anderen. Ich hasste es, wenn alle mich anstarrten, und mir wurde ganz warm unter den Blicken. „Ähm“, stotterte ich nervös. Ich fing an, zu überlegen, und kam zu dem Entschluss, dass sie alle Recht hatten. Wir hatten keine anderen Möglichkeiten, wir könnten höchstens wie Höhlenmenschen jagen und das Essen grillen… Aber nein, davon würden wir auch nicht satt werden, selbst wenn. Ich seufzte und nickte.
„Gut, dann wäre das beschlossen. Ruht euch noch etwas aus. Wir brechen Morgen bei Sonnenaufgang los.“ Mit diesen Worten stand Staub auf und ging auf den Lagerausgang zu. Wir hatten nur einen Ein- und Ausgang in unserem Lager, zumindest nur einen offiziellen. „Wo gehst du hin?“ fragte Joker, der zum ersten Mal seit wir – Staub, Amber und ich – wieder da waren, etwas sagte.
„Ich muss noch mit einigen Leuten reden.“ Ohne weitere Erklärung lief er aus dem Lager.
Ich ließ meinen Blick über die Lichtung schweifen. Chris wollte mit Bone anscheinend ebenfalls das Lager verlassen. Ich lief zu Lucy, die sich auf ihr Bett gesetzt hatte und in das nun dunkle Grün des Mini – Waldes, indem wir lebten, gedankenverloren schaute.
„Hey Lucy“ sagte ich mit einem leichten Lächeln auf den Lippen „wartest du auf Midnight oder denkst du nur nach?“ Midnight war ihre Katze, und sie liebte sie genauso wie ich Amber. Wir hatten vieles gemeinsam, und sie war mir immer eine sehr gute Freundin. Sie ließ ihren Blick abrupt zu mir schweifen, als hätte ich sie aus ihren Gedanken gerissen. „Beides“ lächelte sie. Dann verschwand ihr Lächeln plötzlich und sie fragte ernster: „Wie findest du es eigentlich, dass wir uns Morgen mal wieder aufmachen?“ Dieses „aufmachen“ bedeutete bei uns stehlen, doch niemand erwähnte gerne direkt das Wort „stehlen“, da es nur schlechte Stimmung aufbrachte. Ich schaute ihr tief in die Augen und versuchte, aus ihrem Blick schlau zu werden, doch es gelang mir nicht wirklich. Ich seufzte und schloss für einen Moment meine. „Ich weiß es nicht. Was sollen wir sonst tun?“ Sie blickte mir kurze Zeit ebenso forschend in die Augen, wie ich es davor mit ihr getan hatte, dann schüttelte sie ihren Kopf und nickte.
„Ja, ich auch nicht.“ Sie gähnte. Die Sonne war schließlich gänzlich versunken, und der Himmel verdunkelte sich immer mehr. Nur ein schwaches, fahles Licht erhellte das nachtschwarze Zelt. Heute war es eine wolkenklare Nacht, und hier, am Rande der Stadt, sah man viel mehr Sterne als im Inneren. Einer funkelte besonders hell und klar. Es war, als würde er über die Bande wachen. Die beiden Mädchen schauten in den Himmel, und in ihren Augen spiegelte sich das Glänzen der Sterne.
„Wunderbar, heute Nacht, nicht wahr? Soetwas erlebt man selten. Vielleicht ist das ja ein Zeichen“ meinte Lucy, während eine leichte Brise ihr rotes, gelocktes Haar durchfuhr und uns frösteln ließ. Es wurde immer kälter, der Winter nahte. Bald mussten wir uns nicht nur um Essen kümmern, sondern auch um Anziehsachen. Doch darüber wollte ich mir heute Nacht keine Gedanken machen.
„Ja, da hast du Recht. Und die Sterne… Sie funkeln heute so schön. Vielleicht, vielleicht ist es ein Zeichen, Vielleicht aber auch nicht.“ Lucy war sehr abergläubisch, was uns sehr voneinander unterschied. Ich hielt nicht fiel von Omen und Zeichen, doch sie glaubte fest daran, und ich wollte ihr nicht so entgegenkommen, wie Joker, der immer alles vermieste und schlecht redete. Midnight kam plötzlich durch die Büsche geschossen, gefolgt von Amber, und beide preschten auf Lucys Bett zu, um sich danach auf sie und mich zu schmeißen. Wir beide lachten, als die beiden Katzen so angestürmt kamen, und Lucy hatte sich ganz schön erschreckt. Bone kläffte zur Begrüßung, da er und Chris gerade wieder ins Lager kamen.
„Jetzt kommen sie alle“ lachte Lucy. Ich nickte grinsend und kraulte Amber hinter den Ohren.
„Ich glaube, wir sollten nun schlafen gehen“ meinte der schwarzhaarig und legte sich in sein Bett, Bone legte sich auf seinen Stammplatz neben ihn auf den Boden. Ich nickte und gähnte. „Okay, Amber, komm, wir gehen.“ Ich stand langsam auf, sodass die braune Kätzin vorher von meinem Schoß springen konnte. Ich legte mich ebenfalls in mein Bett, dass schräg gegenüber von Lucys und ein paar Meter entfernt von Chris’ stand. Ich fröstelte, als erneut ein kalter Wind durch unser Lager bließ, stark, trotz der Bäume. Zum Glück rollte sich Amber auf meinem Bauch zusammen, sodass ich wenigstens etwas gewärmt wurde. Ich schaute sie dankbar an und streichelte ihr über den Kopf. „Schlaf gut, meine Kleine“ flüsterte ich leise. Das regelmäßige Atmen der anderen schaukelte mich sanft in den Schlaf, bis ich gänzlich in der Dunkelheit versank.














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